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  • Hans und Dorli

C’est pour votre securité!

Eine kristallklare Nacht. Wir trinken Tee in unserem Vorzelt und lassen uns von den funkelnden Sternen betören. Ein Motorengeräusch? Tatsächlich! Ein Fahrzeug schleicht - ohne Licht - den steilen, holprigen Weg herauf. Vier dunkle Gestalten steigen aus, Maschinenpistole im Anschlag. Ein fünfter Mann in Uniform folgt. „Garde National“ rufen sie. Sie sind unerbittlich: „C’est pour votre securité!“. Wir dürfen hier nicht bleiben, müssen zusammenpacken, werden ins Tal eskortiert und in ein schäbiges Hotel verfrachtet. Dort träumen wir von unserem idyllischen Platz auf dem Hügel.


Es ist nicht die einzige Überraschung. Am ersten Tag unserer Reise werden wir gefragt: „Ist euer Tank gefüllt? In Tunis ist Diesel und Benzin aktuell rar!“. So stehen wir am nächsten Morgem um 6 Uhr früh in einer langen Schlange an der Tankstelle. Ein kleiner Tanklastwagen fährt vor. Ob das reicht? Nach zwei Stunden sind wir an der Reihe, können Tank und sogar Kanister füllen.


Tunesien ist überraschend vielfältig. Eichenwälder im Norden, Palmenplantagen im Süden, Olivenplantagen im ganzen Lande. Ein römisches Ampitheater mitten in der Stadt El Jem, die Mosaike in den Ruinen einer luxuriösen Berberstadt in Bulla Regia aus dem 2. Jahrhundert - erbaut mit Hilfe von Sklaven aus dem südlichen Afrika. Die Überreste einer riesigen Wasserfassung in Zhagouan mit Äquadukten ins antike Karthago. Auch die Relikte der Drehorte der frühen Star Wars-Filme sind spassig.


Ksar Halouf, die Ruinen einer alten Siedlung mit Kornspeichern, kreisförmig angeordnet auf einem Hügel in der Wüste. Wir fahren mitten auf den Platz. Ein kleines Café ist offen. Ja, wir dürfen hier oben übernachten, platzieren Rubi in eine Nische zwischen zwei Ruinen. Auf dem Platz probt überraschend eine Theatergruppe. Abends dann die Vorstellung. Wir sind willkommen und setzen uns zu den Einheimischen auf die improvisierte Bestuhlung. Vollmond, Sand, Wind, die alten Ruinen, Musik, die zwanzig Schauspieler. Wir verstehen kein Wort, ist auch nicht nötig, die Stimmung ist genial, ein beeindruckendes Spektakel!


In Douz treffen wir - ganz unerwartet - auf eine Gruppe Baselbieter Mannen. Sie laden uns ein, für ein, zwei Tage mit in die Sahara zu kommen. Schliesslich sind wir acht Tage mit der Gruppe und ihrem Guide Ali am „Sändele“. Eine tolle Erfahrung! Die nächtliche Stille in der Wüste, der klare Sternenhimmel, das Fladenbrot aus der Asche, die unzähligen Dünengürtel. Unser Rubi packt die Dünen locker, solange Fahrer und Fahrerin keine Fehler machen. Dann jedoch ist schaufeln gefragt!


Weniger spannend ist die Ferieninsel Djerba. Die Küste ist verbaut mit vielen, riesengrossen, teilweise zerfallenen Hotelanlagen. Wenige sind geöffnet und auch dort sieht man kaum Hotelgäste. Die langen Sandstrände sind zwar wunderschön, aber mit Abfall übersäht. Insgesamt ein trostloses Bild.


Tunesien erleben wir als anstrengendes Reiseland, als eine emotionale Achterbahn mit tollen und ernüchternden Erlebnissen. An die arabische Mentalität, an die vielen dunklen, rauchenden Männer in den Cafés, an die Kopfbekleidung der Frauen gewöhnen wir uns schnell. Der bedenkliche Zustand der Infrastruktur ist hingegen erschreckend. Die Wasserversorgung funktioniert nur zeitweise, Abfall überzieht das ganze Land, viele Gebäude sind am Zerfallen. Bis 2010 war Tunesien ein sauberes, gut funktionierendes Land. Die Bevölkerung zahlte dafür allerdings einen hohen Preis: Ein repressiver Polizeistaat ohne Meinungsfreiheit. Seit Dezember 2010 befindet es sich in einer Abwärtsspirale. Damals begannen die Proteste in Tunesien, die sich auf andere arabische Länder ausweiteten. Ziel war mehr Freiheit und Demokratie. Der langjährige Präsident Ben Ali musste fliehen. Im Jahr 2015 folgten Anschläge in der Stadt Sousse und ab 2020 legten die beiden COVID-Jahre das Land lahm. In den letzten Jahren haben sich die Preise für Grundnahrungsmittel vervielfacht. Der Tourismus, einst eine gute Einnahmequelle, kommt erst in diesem Jahr wieder zögerlich in Fahrt. Der aktuelle Präsident wird von vielen sehr skeptisch beurteilt. Erstaunlicherweise wird vielerorts in neue Oliven- und Palmenplantagen investiert. Deren Erfolg ist jedoch gefährdet durch die andauernde Trockenheit. Die letzten grossen Regenfälle liegen drei Jahre zurück. Kein Wunder, zieht es viel junge Tunesier nach Europa!


Auch wir fahren gerne nach Hause. Die Sahara im Süden war zwar spannend und für uns ein einzigartiges Erlebnis. Auch im nördlichen Tunesien hatten wir viele tolle Momente. Zudem genossen wir das herrlich warme und sonnige Klima. All das wurde aber immer wieder getrübt: der unsägliche Abfall, die vernachlässigte Infrastruktur, eine gewisse Gleichgültigkeit vieler Tunesier, die vielen Polizeikontrollen. Wir beginnen daran zu zweifeln, dass es dem Land auf absehbare Zeit gelingen kann, wieder hochzukommen!


Auf der Fähre nach Italien lesen wir den NZZ-Artikel "Vom Musterland zum gescheiterten Staat?" (publiziert am 24.10.2022). Beat Stauffer fasst u.E. die aktuelle Situation Tunesiens bestens zusammen. Wir sehen uns, in unseren Beobachtungen und Wahrnehmungen bestätigt.































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