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  • Hans und Dorli

Dummheiten

Updated: Mar 7

Über rund 500 km zieht sich die Ripipio-Strasse auf mehr als 4’000 müM durch die „Altiplano“, wie diese einsamen Hochebenen entlang der bolivianischen Grenze genannt werden. Hotels, Läden oder Tankstellen gibt es hier oben nicht. Wir haben uns darum mit einem Zusatzkanister mit 20 l Diesel und genügend Lebensmitteln ausgerüstet.


Aber die Altiplano will uns noch nicht. Die Strasse entlang der Küste Richtung Norden ist länger als wir gedacht haben. Wir übernachten nochmals am Strand zwischen zwei Chilenen-Clans. Wir lauschen den Wellen, schauen dem Sonnenuntergang zu und schlafen herrlich.


Am Morgen fehlt einer von Hans‘ Flipflops. Ein Hund hat ihn wohl geklaut. Wir suchen die nähere Umgebung ab, aber nichts ist zu finden. Beim Wegfahren fahren wir eine grosse Schlaufe über den festgepackten Sand. Vielleicht finden wir den Schuh doch noch. Und da passiert es: Hans fährt mitten durch einen weichen Sandabschnitt und bleibt stecken. Dorli knurrt! Hans marschiert zu unseren Nachbarn und bittet um Hilfe. Fünf chilenische Mannen, ausgerüstet mit Schaufeln und zwei Gummitmatten kommen noch so gerne, zeigen ihr Können und bringen den Rubi wieder auf festen Sand. Wir fahren ganz zufrieden und mit neu gelernten Tricks weiter.


An der letzten Tankstelle vor der Altiplano füllen wir Tank und alle Kanister. Wir freuen uns auf die kühle Luft in der Höhe. Aber weit kommen wir nicht! Nach rund 70 km, auf einsamer Strecke und 2‘000 müM leuchtet die gelbe Motorwarnlampe auf. Auch uns geht ein Licht auf: Die junge Frau an der Tankstelle hat Benzin statt Diesel eingefüllt und Hans hat nicht aufgepasst. Dorli knurrt! Sechs Stunden später, kurz vor dem Eindunkeln kommt endlich der Abschleppwagen. Aufgeladen ist schnell, aber der klapprige Wagen schafft die Steigungen kaum und braucht mehr als zwei Stunden für die rund 100 km in die nächste grössere Ortschaft. Kurz vor Mitternacht wird unser Rubi in einer grossen, staubigen Werkstatthalle verstaut. Wir werden in ein nahes Hotel gefahren. Der Mechaniker werde uns am nächsten Morgen im Hotel abholen. Wir sind todmüde, können aber trotzdem kaum einschlafen. Kommt das gut? Immerhin hat Hans den Schlüssel im Sack und den Standort unseres Rubi gespeichert.


Um 10.01 Uhr fährt Daniel, der Mechaniker tatsächlich vor und nimmt uns mit in die Werkstatthalle. Sein Kollege liegt bereits unter dem Rubi. Zweieinhalb Stunden später ist der Tank geleert, wieder eingebaut, alles gereinigt und der Dieselfilter ersetzt. Der Motor springt freudig an! Alle sind zufrieden und wir fahren glücklich davon. Allerdings brauchen wir jetzt eine ruhige Erholungsnacht!


Und dann fahren wir endlich hoch in die Altiplano. Zu Beginn ist die Strasse asphaltiert und wir kommen flott voran. Bald sind wir auf rund 4‘000 müM. In der letzten Ortschaft Colchane fragen wir bei den Carabinieri und dem Nationalpark-Posten, ob die Strasse quer durch die Altiplano offen sei. Sie versichern uns, dass die Strasse offen ist, wir sollen aber oben bei ihren Kollegen nochmals fragen und wir sollen vorsichtig fahren, Gewitter seien angesagt und der Zustand der Strasse könne rasch ändern.

Wir fahren los, jetzt auf schmalen Ripio-Strässchen. Schon bald sind wir mitten in einem Gewitter. Die Strasse wird’s zum Bach, bald aber beruhigt sich die Lage wieder. Wir fahren durch wunderschöne, grüne Hochebenen. In der Ferne strahlen die bolivianischen Schneeberge. Wir begegnen lediglich ein paar Indigenen, die hier ihre Alpacas weiden lassen. Sonst treffen wir auf niemanden!


Die Ruta zieht sich über einen Pass steil in die Höhe bis auf 4’700 müM. Immer wieder hat es Auswaschungen, aber unser Rubi schafft diese Gräben locker. Auf der anderen Seite erreichen wir den „Salar de Surire“, einen Salzsee auf 4‘270 müM, wo wir übernachten wollen. Wir machen es uns in der Nähe einer „Terma“, einer Ansammlung von heiss dampfenden, natürlichen Becken gemütlich. Allerdings haben wir uns ein bisschen zu früh gefreut!


„Puna“ nennen die Chilenen die Höhenkrankheit. Kopfweh und Schwindel sind die ersten Anzeichen. Wir haben uns zwar bereits aklimatisiert mit mehreren Übernachtungen zwischen 2‘000 müM und 3‘800 müM. Aber wir spüren wir die Höhe trotzdem. Unsere Köpfe beginnen zu dröhnen. Dazu kommen die stinkenden Schwefeldämpfe der nahen Terma. Die Nacht wird lange! Wir haben unseren Platz wohl nicht gerade geschickt gewählt.


Aber irgendwann wird es hell und wir sind froh wegfahren zu können. Der Salzsee und die Tausenden von Flamingos sind fast kitschig. Beim Natinalparkposten vergewissern wir uns, ob die zweite Hälfte der Strecke bis zur bolivianischen Grenze OK sei. Kein Problem, aber wir sollen vorsichtig fahren. Anders tönt es bei den nahen Carabinieri. Die Strecke sei gesperrt, eine Brücke weggespült und auch sonst sei die Strecke kaum befahrbar, wir müssten zurück nach Colchane. Das wollen wir nicht! Dank Dorli's hartnäckigem Nachfragen und unserem Rubi, gehen sie ans Telefon und erkundigen sich bei ihren nördlichen Kollegen nach dem genauen Zustand. Wir erhalten eine Ausnahmegenemigung und genaue Fahrinstruktionen für die drei heiklen Streckenabschnitte. Die nächsten drei Stunden sind wir gefordert. Lange sumpfige Abschnitte, ausgewaschene Gräben, tiefe Wasserdurchfahrten wechseln sich ab. Der Höhepunkt, die weggeschwemmte Brücke, ist dann einfach, wir umfahren die Stelle durch den zweiarmigen Fluss problemlos - genau so wie es uns die Carabinieri erklärt. Bei ihren Kollegen im Norden melden wir stolz unser erfolgreiche Bezwingung und bedanken uns für die Ausnahmegenehmigung.


Wir sind nicht nur stolz, sondern auch tüchtig geschafft. So fahren wir direkt nach Putre in ein kleines Hotel. Wir haben die Altiplano zu dieser Jahreszeit etwas unterschätzt. Der „bolivianische Winter“ mit viel Regen - und in der Höhe auch Schnee - zieht sich nämlich über die Grenze in die chilenische Altiplano hinüber.
































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