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  • Hans und Dorli

Hoffen ...

Seit dreizehn Tagen sitzen wir in unserem Cabana in Tarija fest. Die Einschränkungen in Bolivien werden laufend verschärft. Über das Wochenende darf niemand mehr auf die Strasse, weder mit Auto, Moto, Velo, noch zu Fuss. Von Montag bis Freitag darf man jeweils morgens zu Fuss oder per Velo einkaufen gehen und zwar am Montag jene mit den Endziffern 1 und 2 der Passnummer, am Dienstag jene mit den Endziffern 3 und 4 usw. Hans darf am Dienstag, Dorli am Donnerstag! Zudem wurde der Lockdown vorläufig bis 15. April verlängert.

Hier auf dem Cabana-Gelände hat sich so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft entwickelt. In zwei Cabanas wohnen die Arbeiter der nahen Bodega. Neben uns wohnt ein indischstämmiger Engländer, der in der Bodega für ein halbes Jahr als Önologe sein Wissen einbringt. Die beiden Brüder Ivar und Gabriel, welche das Cabana-Hotel führen, bewohnen bis auf weiteres das fünfte Cabana. Sie alle können wegen dem Lockdown nicht mehr nach Hause. Morgens wird im improvisierten Restaurant gefrühstückt, die neuesten Neuigkeiten werden ausgetauscht. Man hilft sich gegenseitig, z.B. erhalten wir Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch aus der Küche, damit wir nicht so schwer schleppen müssen. Oder wir pumpen den Pneu unseres Nachbars auf.

Gabriel nimmt uns mit auf die Bodega, wo er gelegentlich arbeitet. Wir können zuschauen, wie die letzte Ladung Trauben ins „Fass“ eingebracht wird. Eine super Abwechslung! Wir kaufen sogar zwei Flaschen Wein, die wir abends mit unserem Nachbarn verkosten. Allerdings sind die beiden Weine ziemlich flach. „Unser“ Önologe hätte also noch viel zu tun!

Es ist Donnerstag. Dorli und Ivar sind die ersten, welche unter dem neuen Nummern-Regime einkaufen dürfen! Hier Dorli‘s Eindrücke:

Ich will alleine hin, brauche Ivar nicht als „Beschützer“, darum mache ich mich schleunigst bereit und brause mit dem Velo los. Gute 30 Minuten geht es - hügelauf und hügelab - bis zum Abasto Markt. Die Strasse ist gespenstig leer. Ab und zu begegne ich vollbeladenen Velofahrern, überall schleppen Leute ihre Esswaren zu Fuss nach Hause.

Der Markt ist leicht zu finden, die „Schlepper“ weisen den Weg. Ich bin überrascht vom vielfältigen Angebot: Gemüse, Früchte und Fleisch gibt es im Überfluss, nur die Essbuden sind geschlossen. Alles ist friedlich, vielleicht sogar etwas zu ruhig.. Noch so gerne würde ich gemütlich durch die Gänge schlendern! Stattdessen setze ich meine Maske auf und beschränke mich auf den kürzesten Weg, um alle meine Sachen zu kaufen. Ich finde alles und stopfe meinen Rucksack voll. Nur beim Käse gibt es ein Problem. Ich will 200 Gramm davon kaufen. Die Verkäuferin versteht das nicht und fragt verdutzt, für wieviel Geld ich denn Käse wolle. Handzeichen helfen rasch weiter. Nur Rückgeld lässt sich kaum finden. Später wird mir bewusst, dass ein Einkauf mit rundem Geldbetrag eigentlich einfacher ist und gar kein Rückgeld benötigt.

Stolz radle ich zurück zu unserem Cabana. Bei der letzten Strassenbude ergattere ich noch drei Dosen Bier. Ich darf aber niemandem davon erzählen. Bier ist ist ja kein essentielles Lebensmittel, darum ist der Verkauf verboten. Wie konnte ich das nur vergessen! Das Einkaufen auf dem Markt hat richtig Spass gemacht. Irgendwie habe ich das Gefühl nun dazu zu gehören und hier zu Hause zu sein!

Morgen wird uns Nachbar, der indischstämmige Engländer an der Reihe sein. Wir werden ihn auf eines unser Bikes setzen und losschicken. Er ist seit 10 Jahren nicht mehr Velo gefahren. Ob das gut gehen wird?

Von der Schweizer Botschaft in La Paz haben wir seit einer Woche keine Informationen bezüglich Repatriierungsflug erhalten. Auch unsere Mailanfragen werden nicht beantwortet. Darum melden wir uns bei der Französischen und Deutschen Botschaft. Innert Stundenfrist erhalten wir Antworten. Auch beim EDA in der Schweiz intervenieren wir - via Roger! Zudem schreiben wir unsere wenigen Kontakte in Bolivien direkt an. Innert weniger Stunden verzehnfacht sich unser bolivianisches Netzwerk. Von drei Personen, die schon lange in Bolivien leben, erhalten wir wertvolle Informationen und Hinweise. Eine tolle Erfahrung!

Am Samstag Abend erwacht dann auch die Schweizer Botschaft. Oder wurde sie etwa geweckt? Jedenfalls werden wir am Montag eine Fahrerlaubnis nach Santa Cruz erhalten. Von dort wird am Donnerstag ein Repatriierungsflug der Deutschen Botschaft nach Frankfurt starten. Höchstwahrscheinlich werden wir - als Risikogruppe - zwei Plätze erhalten.

Unser Gastgeber Gabriel und Ivar überraschen uns heute Abend mit einem Candlelight-Dinner am Fischteich. Zum Abschied, sagen sie. Diese Geste berührt uns tief!


Am Dienstag werden wir die 650 km nach Santa Cruz in Angriff nehmen. Wenn alles klappt, werden wir am nächsten Wochenende in der Schweiz sein. Wir hoffen es!

















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